Bericht vom Ulmer Forum am 8.10.2011

Wenn ich einmal alt bin

Selbstbestimmtes Leben im Alter durch technische Assistenzsysteme

„Der Pflegeprozess ist heute total ausgeknautscht, alle Zeiten sind von vorn bis hinten durchgetaktet in Minuteneinheiten.“, Deshalb sieht Diplomingenieur Torsten Stevens vom Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme IMS in Duisburg in technischen Assistenzsystemen eine Möglichkeit, alten und vor allem demenzkranken Menschen länger ein selbstbestimmtes Leben im eigenen Zuhause zu ermöglichen. Denn der Pflegeaufwand wird durch den demographischen Wandel noch zunehmen.
 
Wie der Fraunhofer-Wissenschaftler, der als Zivildienstleistender eigene Erfahrungen in der Behinderten- und Altenpflege gemacht hat, beim Ulmer Forum ausführte, gehe es dabei nicht vorrangig darum, Neues zu erfinden, sondern auf dem Markt vorhandene Komponenten so zu kombinieren, das sie den Senioren das tägliche Leben erleichtern und dem Pflegedienst in einer Art Zentrale eine unauffällige Überwachung des Patienten ermöglichen um in Notsituationen rechtzeitig eingreifen zu können.

Neben Erleichterungen baulicher Art wie eine im Boden eingelassene Waage oder eine ebenerdige Dusche bedeutet es aber auch, in einer mit Sensoren gespickten Wohnung zu leben, in der die Bewegungen in Bad, Küche und Wohnräumen aufgezeichnet und an den Pflegedienst oder die Angehörigen weitergemeldet werden. Assistenzsysteme registrieren, ob die Tabletten genommen werden und erinnern per Leuchtbild im Badezimmerspiegel, Sensoren überwachen das Waschen, das Schlafen, das Essen.

 

Trotz dieser an Big Brother erinnernden Methoden hat das Duisburger Institut keine Probleme, für seine Feldversuche interessierte Familien zu finden. Dabei verschweigt Stevens nicht, dass ein längeres häusliches Leben Demenzkranker auch ein Beitrag zu einer kostengünstigeren Pflege sein soll. Die Entwicklung dieser Assistenzsysteme müsse aber unbedingt in Zusammenarbeit mit professionellen Pflegekräften erarbeitet werden, um sinnvoll zu sein.

Diese Assistenzsysteme können Pfleger und Angehörige entlasten, aber keineswegs ersetzen, war das Resümee der lebhaften Diskussion, die so nahtlos zum Thema des Pflegewissenschaftlers Manfred Hülsken-Giesler von der Universität Osnabrück überleitete. Der ausgebildete Pfleger beschäftigt sich mit den Herausforderungen für Pflege und Pflegewissenschaft, die durch technologische Innovationen entstehen. Dabei unterschied er zwei grundsätzliche verschiedene Situationen: Während ein hoher Technikstand auf einer Intensivstation für das Krankenhauspflegepersonal selbstverständlich ist, sei die Einstellung der Pflegekräfte zu Technik in der ambulanten und der Langzeitpflege eher „zurückhaltend“.

Auch Hülsken-Giesler betonte als Grund für den Einsatz von mehr Technik nicht nur die Demographie und die zu geringe Zahl an Pflegekräften, sondern auch den wachsenden Bedarf an Steuerungsdaten zur Entlastung von Gesundheitssystem und Wirtschaft. Im Krankenhaus und der Langzeitpflege seien diese Daten vorhanden, nicht jedoch in der Ambulanz. Dem Unbehagen, dass hier mitmenschliche Verantwortung von einer kälter werdenden Gesellschaft auf Technologie abgeschoben werden solle, entgegnete der Pflegewissenschaftler zum einen durch die Erinnerung an frühere Methoden, bei denen keineswegs alle Alten, Kranken und Behinderten liebevoll betreut wurden, sondern vielfach auch weggesperrt. Wie der Ingenieur Stevens zeigte sich auch Hülsken-Giesler davon überzeugt, dass es in der Pflege künftig viel mehr ehrenamtliche Arbeit geben müsse als heute.

Für die Ausbildung bedeute die Arbeit an der „Schnittstelle Mensch-Maschine“ dringend eine größere Professionalisierung, nicht nur in technologischer Sicht. Deshalb forderte er eine Anpassung und eine Differenzierung des Berufsbilds „Pfleger“ und eine Akademisierung des Berufs, wie es außerhalb Deutschlands bereits überwiegend üblich sei. Dies werde nach seiner Beobachtung im zuständigen Fachbereich von ver.di eher kritisch diskutiert, doch in der Europäischen Union laufe die Diskussion um den Pflegeberuf insgesamt auf eine Ausbildungsvoraussetzung von zwölf Schuljahren hinaus.

Mehr Informationen erhalten Sie unter:
www.inhaus.fraunhofer.de , www.ims.fraunhofer.de , www.pflegewissenschaft.uni-osnabrueck.de

Links zu den Veranstaltern, die auch eine umfangreiche Dokumentation (CD) anbieten:
www.verdi-bw-bayern.de

Susanne Stracke-Neumann